Schulen auf – aber richtig

24. Feb 2021

Daniela von Treuenfels
Schulen auf – aber richtig

„Vorsichtige Lockerung“ war angesagt. Schulen und Kitas zuerst. Was gerade geschieht, ist alles andere als behutsam und setzt außerdem falsche bildungspolitische Prioritäten. Eine Bevorzugung benachteiligter Kinder könnte ein Baustein einer sinnvollen Öffnungsstrategie sein.

Ein Jahr Pandemie, 12 Monate Einschränkungen, eine gefühlte Ewigkeit Lockdown in allen möglichen Varianten von „strikt“ bis „light“. Viele können Karl Lauterbach, den Mann mit der Corona-Warnweste, nicht mehr hören, sehen oder lesen. Weil er so energisch und kompromisslos ist und immer alles besser weiß. Aber vor allem, weil er so verdammt oft recht hat. Wenn wir das machen, passiert das, wenn wir jenes lassen, haben wir folgende Situation. Der SPD-Gesundheitsexperte hat wesentliche Dinge vorausgesehen. Da war nicht viel Nettes, kaum Aufmunterndes, wenig Perspektive. Bis vor kurzem.

Studien, schreibt Lauterbach auf twitter, „zeigen Risiko-Senkung von Ausbrüchen um 50% wenn man Schüler 1/Woche mit Antigentest testet. Dies, Wechselunterricht und Lehrerimpfung wäre vertretbar“. Ohne dieses „Sicherheitsnetz“ ginge es nicht. Eine „Öffnung der Grundschulen ohne Kinderschnelltestung und Wechselunterricht wäre Einladung für die 3. Welle“. Der Politiker spricht sich auch dafür aus, bei einer Öffnung der Schulen Einschränkungen in anderen Bereichen zu veranlassen.

Letzteres kommt zu einer Zeit, in der die Öffnung der Friseure beschlossene Sache ist, die Gastronomen auf Lockerungen drängen, das Hotelgewerbe den Osterurlaub wünscht und der Einzelhandel seine Verbände in Stellung bringt. Die Infektionszahlen stagnieren, der Anteil an der als gefährlicher eingeschätzten Coronavariante B117 wächst. Kürzlich gab es Berichte über einen Coronaausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff von TUI: Vier Personen mussten sich auf Gran Canaria in Quarantäne begeben. Welchen Teil von „nur unbedingt notwendige Reisen“ hatten die Urlauber und ihr Reiseveranstalter nicht verstanden?

Es ist nicht weit her mit der „Priorität für Kitas und Schulen“. Ein politisches Lippenbekenntnis, das beim Rest der Gesellschaft nicht auf Zustimmung stößt. Diese Haltung zieht sich durch vom ersten Lockdown bis heute. Die Schließung der Bildungseinrichtungen war immer populär, weil man mit einem Schlag und ohne Kompensationskosten einen großen Teil des gesellschaftlichen Lebens stilllegen konnte. Sogar die Investitionen in Laptops, Tablets, Lernplattformen und digitale Infrastruktur sind keine zusätzlichen Ausgaben, sondern vorgezogene Investitionen – die eigentlich schon vor Jahren hätten fließen müssen.

Die Kosten der Schulschließungen und ihre Auswirkungen auf die Kinder sind nachgelagert: Welche Lernrückstände konkret aufgelaufen sind, ist unklar; eine Evaluation mittels Vergleichsarbeiten steht den Schulen offen, die das wollen. Die Termine für die Tests in der 3. Klasse sind nicht verbindlich, sondern in diesem Jahr freiwillig. Auch die VERA-Tests in der 8. Klassenstufe sind nur freiwillig, dabei wären sie elementar wichtig für eine gezielte Steuerung des Systems und eine passgenaue Förderung der einzelnen Schüler. Es ist wie so oft im Bildungssystem: Aus Furcht vor den Kosten und Mühen wird auf eine Analyse verzichtet nach dem Motto „was ich nicht weiß macht mich nicht heiß“.

Dass es Kindern in der Pandemie nicht so gut geht, sagt schon allein der gesunde Menschenverstand. Ein heute Dreijähriger hat ein Drittel seines Lebens mit Kontaktbeschränkungen gelebt und erinnert sich vielleicht nicht mehr daran, dass es auch Zeiten gab, in denen die Leute ohne Lappen vor dem Gesicht zum Einkaufen gegangen sind. Welche psychischen Folgen das hat, ist noch nicht absehbar, auch weil intensive Befragungen derzeit nicht möglich sind. Wie sehr die körperliche und motorische Entwicklung der Kinder leidet, lässt sich nur vermuten. Der Stress in den Familien – Homeschooling, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, Insolvenzen – wird Folgen haben, die wir heute noch nicht kennen.

Angesagt wäre die Bazooka für Familien und Bildungseinrichtungen, doch bisher ist der Staat eher knauserig. „Die meisten Corona-Hilfen kommen nach wie vor den Unternehmen zugute. Deshalb ist es für eine Ausgewogenheit der Hilfen wichtig, dass auch Familien und stark betroffene Menschen Unterstützung erhalten. Die jetzt beschlossenen Hilfen schlagen finanziell deutlich weniger zu Buche als viele der Unternehmenshilfen“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des DIW.

Konkret bedeutet das: TUI mit seinen coronaverseuchten Klimakillern, unterwegs in Sachen unsanfter Tourismus, erhält 4,3 Milliarden Euro Corona-Hilfen. Fun Fact: Das Unternehmen tut offenbar viel, um seine Steuerlast in Deutschland auf ein Minimum zu reduzieren: Die Initiative Fragden Staat und die Bürgerrechtsvereinigung Finanzwende machen im Internet dieCoronahilfen an Großunternehmen transparent und dokumentieren gleichzeitig, wo die Firmen Dienstleistungen zur Steuervermeidung in Anspruch nehmen. TUI unterhält demnach Niederlassungen an acht verschiedenen Schattenfinanzplätzen, darunter Malta, Panama und den Bahamas.

Insgesamt summiert sich die Neuverschuldung auf rund 400 Milliarden Euro in den Jahren 2020 und 2021. Zum Vergleich: der Etat des Familienministeriums ist 2020 pandemiebedingt um 1,3 Milliarden Euro aufgestockt worden. Die steuerrechtliche Leistung „Corona Kindergeld“ im Umfang von 4,4 Milliarden bleibt hier außen vor, da sie nicht zum Haushalt des Ministeriums gehört. Familienverbände kritisieren, das Geld sei viel zu wenig um wirklich zu helfen. Finanzfachleute dagegen loben die positive Wirkung zur Belebung der Konjunktur. Als problematisch erweist sich das Instrument der Entschädigungsleistung, die Eltern beanspruchen können, wenn sie wegen der fehlenden Kinderbetreuung nicht arbeiten können. Die Mittel werden kaum abgerufen. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge liegt die Antragsquote in allen Ländern bei sehr niedrigen fünf bis ein Prozent.

Unterm Strich bleibt festzustellen: Zusätzliche familienpolitische Leistungen in der Coronakrise fallen mager aus, der Kinderbonus ist ein verkapptes Konjunkturpaket. Und Unternehmen stecken Eltern lieber in ein Betreuungs-, Fernunterrichts- und Homeoffice-Hamsterrad statt sich in die Mühlen der Bürokratie zu werfen und Entschädigungsleistungen für ihre Mitarbeiter zu beantragen. Werkbank statt Freistellung für die Erziehungsarbeit, das ist rundum asozial.

Kinder und Familien waren in der Pandemie bisher eher nicht so wichtig. Das zeigt sich auch im mangelnden Erkenntnisinteresse zur Infektiosität der Jüngeren. Stecken sie sich im gleichen Maße an wie Erwachsene, tragen Kinder das Virus weiter an andere Kinder? Sind Schulen „Treiber der Pandemie“? Die ARD Wissenschaftssendung Quarks hat dazu einen guten Überblick ins Netz gestellt, der seit seiner Veröffentlichung regelmäßig aktualisiert wird. Unverändert heißt es hier (Februar 2021): die nach wie vor wenigen Studien zum Thema sind widersprüchlich. Eine Forscherin wird so zitiert: „Es scheint vor allem dann ein Risiko für Schulausbrüche zu geben, wenn das Gesamt-Infektionsgeschehen in der Bevölkerung zunimmt“.

Die Freude über diesen Satz mit seiner bestechenden Logik hat einen limitierenden Faktor, und der kam neulich von den Berliner Amtsärzten. Wie der Tagesspiegel berichtet, fordern die Leiter aller 12 Gesundheitsämter in einem gemeinsamen Brief an den Senat eine Anpassung der Corona-Strategie durch eine stärkere Gewichtung der verschiedenen Altersgruppen: „Es sei ein gewaltiger Unterschied, ob eine Sieben-Tages-Inzidenz von 50 herrsche, alle Infizierten symptomfreie Kinder seien und die über 80-Jährigen schon durchgeimpft wären oder ob bei einer Inzidenz von 50 vor allem Risikogruppen betroffen seien. Demnach müsste man auch die politischen Maßnahmen entsprechend justieren.“
Der Vorschlag wird kontrovers diskutiert, eine ausführliche Gegenrede bietet beispielsweise der RBB in Gestalt des Wissenschaftsredakteurs Haluka Maier-Borst hier.

Die interessierte Laienschaft bleibt ratlos zurück und wendet sich wieder den klaren Ansagen des selten irrenden Lauterbach zu: Schulen auf nur mit Maske, Lüften, Abstand, Tests und Impfung der Lehrkräfte. Die Ernüchterung stellt sich ein mit dem Blick auf die politische Praxis. Die Priorisierung der Lehrer bei den Impfungen ist umstritten und muss noch beschlossen werden. Tests gibt es zu wenige, das Projekt „kostenlos für alle“ des Bundesgesundheitsministers wurde verschoben. Die Öffnungsmodi in den Bundesländern sind unterschiedlich. In Sachsen gilt „eingeschränkter Regelbetrieb“ ohne Masken im Unterricht, in den meisten Bundesländern öffnen die Grundschulklassen im Wechselmodell. Die Präsenzpflicht ist fast überall aufgehoben.

Die Maßnahmen richten sich durchgehend nach epidemiologischen Kriterien – was ja auch nicht falsch ist. Würde man aber bildungspolitische Aspekte stärker gewichten und benachteiligte Kinder klar bevorzugen, würde das auch einen Weg aus dem Impf- und Test-Dilemma bieten. Aus dieser Prioritätensetzung ergibt sich eine Reihenfolge für die Impfungen innerhalb der Pädagogen und der Zugriff auf die knappen Schnelltests. Hier ein Vorschlag:

Kitas zuerst. Erzieher in den Kitas haben am wenigsten die Möglichkeit, Abstand zu halten. Schutzkleidung oder Schutzmasken wie in anderen körpernahen Berufen verbieten sich hier – also müssen jene, die mit kleinen Kindern arbeiten, als erste an die Reihe kommen. In den Kitas gab es nahezu durchgehend eine Notbetreuung für Eltern in systemrelevanten Berufen, die Auslastung überstieg dabei auch mal die zulässigen Höchstgrenzen. Dennoch sind Ausbrüche dort eher die Ausnahme. Deswegen, und auch weil Tests bei kleinen Kindern eher uncharmant sind, könnte hier der Fokus auf der Impfung des Personals liegen.

Grundschulkinder können Masken tragen, auch wenn das bestenfalls suboptimal ist. Schulanfänger brauchen intensive professionelle Begleitung, sie arbeiten größtenteils analog. Da diese Altersgruppe sich seltener zu infizieren scheint und wahrscheinlich Erwachsene seltener ansteckt, kann ein Unterricht im Wechselmodell und Hygienekonzept für alle Kinder bis Klasse 2 bzw. 3 vertretbar sein. Schnelltests könnten Ausbrüche erkennen und schnelle Maßnahmen würden Infektionsketten unterbrechen. Impfungen wären Goldstandard – aber angesichts knapper Ressourcen müsste man Schulen mit besonderen Herausforderungen bevorzugen.

Es gibt Einrichtungen mit vielen Willkommensklassen oder Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit unterschiedlichen Förderbedarfen. Hier wäre es wichtig, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche aus allen Klassenstufen wieder in die Schule zurückkehren. Das ist nur vertretbar mit einer Impfung des ganzen schulischen Personals und einer regelmäßigen Testung aller Schüler.

Bei der Geschwindigkeit, mit der nicht nur in Berlin geimpft wird und mit der Aussicht auf knappe Testkapazitäten könnte es dann eine Weile dauern, bis die Kinder der Zehlendorfer Anwalt- und der Pankower Professorenschaft auch endlich an der Reihe sind. Jemand muss es ihnen sagen.

Nachtrag
  • Die vorgezogene Impfung von Erziehern und Grundschullehrern ist beschlossene Sache. Das gilt… unverzüglich… - also ab heute (24.2.).
  • Falls jemand die dritte Welle sucht, sie ist schon da. Sagt Karl Lauterbach.
  • Was er noch nicht gesagt hat: wann die Schulen wieder schließen werden.

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