Der 30. April ist das Datum des internationalen Tages der gewaltfreien Erziehung. Er wird seit 1998 vor allem in den USA begangen, nach Deutschland kam der Aktionstag 2004. In diesem Jahr ist er weitgehend kommentar- und spurlos an uns vorbeigegangen. Sogar der Initiator des „deutschen“ Gedenkens, der Deutsche Kinderschutzbund, setzte andere Prioritäten.

Die Schweizer Kollegen haben ihre Termine offensichtlich besser im Griff. Auf der Seite der Stiftung Kinderschutz finden Interessierte dies: „Zum diesjährigen internationalen "No Hitting Day" vom 30. April 2011 zeigt die Stiftung Kinderschutz Schweiz den Kurzfilm "Niemals Gewalt", basierend auf der Ansprache von Astrid Lindgren bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978. Dem Film gelingt es, die Perspektive des Kindes aufzuzeigen, um den Zuschauerinnen und Zuschauern ins Gedächtnis zu rufen, wie Gewalt als Erziehungsmittel von Kindern wahrgenommen wird. Ein eindrückliches Plädoyer für die Unsinnigkeit von Gewalt in der Erziehung.“

Im vergangenen Jahr hatte der Gedenktag etwas mehr Aufmerksamkeit, Dank eines Jubiläums: 10 Jahre zuvor, am 6. Juli 2000 hatte der Deutsche Bundestag die folgende Änderung des §1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches verabschiedet: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Der Deutsche Kinderschutzbund hatte 2004 zum ersten Mal den Tag für gewaltfreie Erziehung ausgerufen. „In den angelsächsischen Ländern hat der 'No Hitting Day' eine lange Tradition“, heißt es in der Pressemitteilung vom letzten Jahr. Der Tag für gewaltfreie Erziehung solle

- die Bevölkerung daran erinnern, dass die Verantwortung für ein gewaltfreies Aufwachsen aller Kinder in unserem Land von allen geteilt werden muss,
- Eltern dazu ermutigen, ihr Ideal einer gewaltfreien Erziehung Wirklichkeit werden zu lassen.

Der Tag der gewaltfreien Erziehung war für den Deutschen Kinderschutzbund „in diesem Jahr (2010,dt) ein besonders wichtiger Tag. Seit 10 Jahren ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. Gemeinsam mit unseren bundesweit verbreiteten Elternkursen Starke Eltern – Starke Kinder® hat dies für einen Bewusstseinswandel in der Erziehung gesorgt: Für fast 90 Prozent der Eltern ist eine gewaltfreie Erziehung mittlerweile das Ideal“, sagte Bundesgeschäftsführerin Paula Honkanen-Schoberth."

Das Bild von Eltern in der medialen Öffentlichkeit ist ein völlig anderes. Sie brauchen Super-Nannies, sind überfordert, rat- und orientierungslos. Auch ohne die Überspitzung durch prügelnde Väter und alkoholisierte Mütter wird ihre Leistung bewertet und in Frage gestellt. Ein Blick auf die Internetseiten der Teilnehmenden offenbart: Die Berichterstattung über Erziehung findet nur über die Negativschlagzeile statt. Kein Hinweis auf den heutigen Gedenktag: Tagesspiegel, taz, Berliner Morgenpost, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Zeit, Spiegel – überall Fehlanzeige.

Ein Gedenktag ist eine Chance, das Thema auch von anderen Seiten zu beleuchten. Dass die Gesetzgebung, so richtig sie ist, die Gewalt gegenüber Kindern wirklich reduziert hat, ist nicht zu belegen. Tatsache ist aber, dass Eltern sich inmitten einer teilweise absurden Diskussion um Erziehungsstile wiederfinden, in der sich die Wertigkeiten grotesk verschieben: Einerseits, um Fälle der jüngsten Vergangenheit zu zitieren, müssen wir hinnehmen, dass ein Mann des mehrfachen sexuellen Missbrauchs an Jungen verurteilt wird, aber mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. Gleichzeitig müssen Eltern sich wegen einer Ohrfeige rechtfertigen. Oder: Ein junger Mann prügelt einen anderen nachts auf einem U-Bahnhof brutal zusammen. Ins Gefängnis muss er vorerst nicht. Eltern werden demgegenüber darüber belehrt, dass „auch Anschreien Gewalt ist“ – und damit ein Straftatbestand.

Zweitens: Experten machen immer wieder darauf aufmerksam, dass Hilfen früh ansetzen müssen, am besten präventiv in Form von Hebammen und anderer Unterstützung für junge Eltern mit Neugeborenen, Babies und Kleinkindern. Doch das würde Geld kosten, das derzeit niemand bereit ist zu investieren. Ein Gedenktag ist eine Möglichkeit, dies immer wieder einzufordern.

Das Vertrauen der Eltern in staatliche Stellen ist – ausbaufähig. Die Kontrollfunktion und die Eingriffsrechte des Jugendamtes sind in den letzten Jahren gestärkt worden, ohne dass parallel versucht worden wäre, gezielt Kontakt zu Familien jenseits von Krisensituationen herzustellen. Es gibt nach wie vor viele Familien, die sich bei Beratungsbedarf nicht an die Behörde wenden, sondern an andere Beratungsstellen – weil sie „beim Amt keine Akte haben wollen“. Ein Gedenktag kann Gesprächsmöglichkeiten bieten.

Zur Öffentlichkeit, die elterliche Inkompetenz als Normalfall darstellt und dem fehlenden Vertrauensverhältnis der Familien zu den staatlichen Stellen (und umgekehrt) kommt der Erfolgsdruck und das Konkurrenzdenken, dem Eltern heutzutage ausgesetzt sind. Zwischen dem Abarbeiten von Pekip, Babyschwimmen und musikalischer Frühförderung geht die Offenheit verloren. Mütter und Väter gestehen ihre Sorgen und Nöte einander nicht mehr ein, gegenüber Freunden, Verwandten und Nachbarn ist immer alles gut. Die Folge ist ein elendes Herumdilettieren zwischen fataler Nichteinmischung und falschen Verdächtigungen.

Ein Gedenktag, der die gewaltfreie Erziehung zum Thema hat, kann helfen, hierüber ins Gespräch zu kommen. Schade, dass diese Chancen vertan wurden. Aber daran lässt sich arbeiten.

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Anlass für diesen Ausflug in eher unbekanntes Terrain war eine Pressemeldung der Berliner Charité. „Unter den rund 100.000 Kindern, die im vergangenen Jahr an der Charité - Universitätsmedizin Berlin behandelt wurden, ist in 478 Fällen eine drohende oder bestehende Kindeswohlgefährdung festgestellt worden. Diese Zahlen legt die Leiterin der Kinderschutzgruppe an der Charité, Loretta Ihme, anlässlich des Tages der gewaltfreien Erziehung am 30. April vor. In 99 Fällen bestand eine akute Gefährdung des Kindes. In enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Jugend- und Gesundheitsämtern hat die Charité dazu beigetragen, die betroffenen Kinder zu schützen und den Familien professionelle Hilfe zukommen zu lassen.“

Auf der Suche nach mehr Informationen muss man jedoch feststellen, dass dieses Gedenken sonst kaum eine Rolle spielt. Zur Ehrenrettung des Kinderschutzbundes sei festgehalten, dass durchaus Landesverbände und Ortsgruppen den Tag der gewaltfreien Erziehung 2011 auf dem Schirm haben. Auch der Kinderschutzbund Berlin veröffentlichte eine Pressemeldung.

Lesenswerte Fundstücke

Der Weisse Ring (Hilfsorganisation für Kriminalitätspofer) stellt seine – sehr informative - Broschüre "Gewaltfrei Erziehung - Vom Schreien, Schlagen, Misshandeln über gewaltfreie Erziehung zur respektvollen. Liebenden Beziehung" kostenlos im Internet unter www.weisser-ring.de zur Verfügung.

Tatort Elternhaus
Tagesspiegel: Seit zehn Jahren ist es deutsches Gesetz: Eltern dürfen ihre Kinder nicht misshandeln. Die Realität sieht trotzdem anders aus. www.tagesspiegel.de

{metatitle:Vergessenes Gedenken Der Tag der gewaltfreien Erziehung | berlin-familie.de}