Die Scientology-Gruppe ist mal wieder auf der Suche nach Nachwuchs. Die „Kirche“ wandte sich jetzt an Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen. Die Leitstelle für Sektenfragen des Berliner Senats empfiehlt die „umweltgerechte Entsorgung“ der angebotenen Materialien.

„Schauen Sie sich das Büchlein an. Prüfen Sie es. Einfach als Geschenk von uns an Sie.“ So bietet Sabine Weber, „Präsidentin der Scientology-Kirche Berlin e.V.“ das Werk des Gründers Ron Hubbard „Der Weg zum Glücklichsein“ an. „Insbesondere in Krisengebieten“, so Weber in einem Schreiben an Berliner Jugendfreizeiteinrichtungen, „hat dieses kleine, aber kraftvolle Werk, beruhigende und harmonisierende Wirkung.“

Stefan Barthel von der Leitstelle für Sektenfragen geht nicht davon aus, „das das jemand ernst nimmt.“ Die Amtsleiter und auch die Einrichtungen wüssten, wie sie mit derlei Werbung umzugehen hätten: ab in die Tonne. Dennoch ist die Initiative der Organisation Thema des aktuellen Newsletters der Leitstelle. Der Grund: die beiliegende DVD. Der Film, passend zum Buch, ist hochprofessionell gemacht und transportiert Aussagen, die „jeder unterschreiben könnte“, so Barthel. Vertrauen, Moral, Integrität – das braucht die Welt. Junge Menschen können, so die Botschaft, mit dem „Weg zum Glücklichsein“ etwas zu einer „friedvollen Welt voll Mitgefühl“ beitragen. Das Hollywood-Produkt könnte Jugendliche durchaus ansprechen.

Unbedarfte könnten so in den Sog der Organisation geraten, der Kritiker wie Ingo Heinemann „Betrug, Wucher, Ausbeutung der Mitarbeiter, Zerstörung persönlicher und familiärer Bindungen und letztlich der Persönlichkeit selbst; Verletzung der Grund- und Menschenrechte ihrer Anhänger  und ihrer Kritiker sowie Unterwanderung des Staates und der Wirtschaft“ vorwerfen.

Aufgrund der massiven Aufklärungsarbeit wird der Gefährlichkeitsgrad der Scientologen hierzulande eher mit dem einer Kampf-Strickgruppe verglichen. Besonders einfach ist es, wenn dort wo Scientology drin ist, auch Scientology draufsteht. Auch im aktuellen Fall ist das so. Jeder halbwegs aufgeklärte Mensch in einer Poststelle eines Jugendclubs dürfte den Müll umgehend in die richtigen Behälter sortieren.

Schwieriger wird es, wenn nicht gleich erkennbar ist, wer hier so nette Briefe schreibt. Die Leitstelle weist daher nochmals darauf hin, dass Scientology sich auch hinter anderen Namen verbirgt:

Dianetik - unter diesem Namen werben Scientologen auf Berlins Straßen für Bücher, Kurse und den Stresstest
Sag NEIN zu Drogen - Sag JA zum Leben - die Stiftung verteilt kleine düstere Heftchen "Fakten über Drogen", früher unter NARCONON
Youth for Human Rights International, Jugend für Menschenrechte vertreibt hochprofessionelle Videoclips u.a. zur UN Menschenrechtskonvention, auch auf Youtube
Way to Happiness - Der Weg zum Glücklichsein - Kampagne, die 21 Regeln propagiert, jugendgerechte und sehr ansprechende Videoclips, auch als Heftchen verteilt
KVPM - Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte - Veröffentlichung: "Psychiatrie - Tod statt Hilfe"
ApS - Applied Scholastics - Lizenzträger der Studiertechnologie des L. Ron Hubbard, Nachhilfeangebote von Scientologen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz darf Scientology in Deutschland weiterhin beobachten und dabei auch nachrichtendienstliche Mittel einsetzen. So entschied es das Oberverwaltungsgericht NRW im Februar 2008. Es lägen tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Kläger bzw. ihre Mitglieder nach wie vor Bestrebungen verfolgten, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien, so die mündliche Begründung des Gerichts. Aus den - zum Teil nicht allgemein zugänglichen - scientologischen Schriften sowie den Aktivitäten der Kläger bzw. ihrer Mitglieder ergäben sich zahlreiche Hinweise, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebe, in der zentrale Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten. Insbesondere bestehe der Verdacht, dass in einer scientologischen Gesellschaft nur Scientologen die staatsbürgerlichen Rechte zustehen sollten. Es gebe aktuelle Erkenntnisse über Aktivitäten von Scientology, das scientologische Programm in Deutschland umzusetzen und zu diesem Zweck personell zu expandieren sowie scientologische Prinzipien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr zu verbreiten. Ein besonderes Augenmerk lege Scientology dabei auf Berlin als Hauptstadt.

Leitstelle für Sektenfragen: www.berlin.de
Webseite des Scientology-Kritikers Ingo Heinemann: www.ingo-heinemann.de
Videokanal der Scientologen: www.scientology.de

{metatitle:Mit einem "Büchlein" als Geschenk den Fuß in die Tür der Jugendklubs | berlin-familie.de}