Aus Protest gegen Sparmaßnamen und stetigen Personalabbau gibt die Schulleiterin der Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule ihr Amt auf. Eltern, Schüler und Lehrer der Montessorischule demonstrierten deshalb am 6. April 2011 vor der Bildungsverwaltung in der Otto-Braun-Straße am Alex. Nicht ohne Erfolg, wie es scheint...

Demo Clara-Grunwald-Grunwaldschule | Foto: ThomaszDenn eine Delegation der rund 150 Kundgebungsteilnehmer hatte Gelegenheit ihr Anliegen vorzutragen: Siegfried Arnz, früher selber Schulleiter und inzwischen Abteilungsleiter beim Schulsenator, empfing 25 Kinder, Lehrer und Elternvertreter zu einem Gespräch. In dessen Verlauf wurde festgehalten, dass es ein weiteres ausführliches Gespräch geben wird. Außerdem sollen die Anzahl der Lehrerstunden überprüft und das Verfahren um den besonderen Status einer "Schule mit mit besonderer Prägung" noch einmal eröffnet werden. Denn dieser Status wurde der Schule zu Beginn des Jahres aberkannt, ohne das diese darüber informiert worden wäre.

Ein Video zur Aktion ist bei Youtube zu sehen unter youtube.com/watch?v=RmwKnNipyUo

Eltern und Schüler der Clara-Grunwald-Grundschule zählen auf:
7 gute Gründe für unseren Protest:

1. Unsere Schulleiterin kündigt ihren Job – und keiner will ihn haben.

Kurz vor ihrer Pensionierung legt Regina Arlt, langjährige Schulleiterin der Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule, ihr Amt als Direktorin nieder und lässt sich in den Rang einer normalen Lehrkraft zurückstufen. Sie kann die derzeitigen Arbeitsbedingungen nicht mehr mit ihrem pädagogischen Qualitätsanspruch in Einklang bringen und möchte ein schulpolitisches Zeichen setzen.

2. Geisterplaner in der Schulverwaltung.

Die Clara-Grunwald-Schule gilt seit ihrer Gründung vor 20 Jahren als Modellschule für den jahrgangsübergreifenden Unterricht – jetzt hat ihr die Schulverwaltung den Status einer "Schule besonderer pädagogischer Prägung" heimlich aberkannt. Nur durch Zufall erfährt die Schulleiterin, dass durch Verordnung vom 26. Januar 2011 dieser Status für ihre Schule aufgehoben wurde. Damit ändern sich aber so elementare Punkte wie z.B. die Aufnahmekriterien für Erstklässler wie auch die Leistungsbeurteilungen der Schüler (an der Clara-Grunwald-Grundschule gibt es bis einschließlich Klasse 4 keine Noten, sondern verbale Beurteilungen und Elterngespräche). Die Schulaufsicht ist über die Verordnung genau so überrascht wie die Schule. Nach der verantwortlichen Stelle innerhalb der Schulverwaltung wird nach wie vor gesucht ...

3. Bürokratie erstickt Reformpädagogik.

Senator Zöllners Reformpaket schicken wir postwendend zurück. Denn da gibt es unter Hochglanzpapier nichts Gutes für uns auszupacken. Vielmehr sollen wir mit unseren bewährten Reformideen eingewickelt werden. Zunehmende Stundenkürzungen und überbordende Bürokratie ersticken zukunftsweisende Konzepte. Die Arbeit unserer viel beachteten Montessori-Grundschule ist existentiell bedroht.

4. Viele Kinder und immer weniger Lehrer.

Im Schuljahr 2000 / 2001 konnte die Clara-Grunwald-Grundschule mit insgesamt 632 Lehrerstunden arbeiten. Zehn Jahre später sind davon – bei nahezu identischer Schülerzahl – noch 476 übrig. Fast ein Viertel wurde ersatzlos gestrichen. Wenn wir so weiter machen, geht die letzte Lehrkraft in rund 30 Jahren, errechnet Gesamtelternvorstand Nuri Khadem.

Senator Zöllner (2008): „Ich gehe davon aus, dass alle Schulen 100 Prozent der nötigen personellen Ausstattung haben“. Das wundert wenig, wenn die "nötigen 100 Prozent" jährlich neu festgelegt werden und dabei jedes Mal ein wenig niedriger ausfallen ...

5. Sprachförderung und Integration – der Schulsenat lebt in einer Scheinwelt.

In den letzten zehn Jahren wurden die Sprachförderstunden für Kinder nichtdeutscher Herkunft an der Kreuzberger Clara-Grunwald-Schule um die Hälfte gekürzt. Und auch die Integrationsstunden, also sonderpädagogische Zusatzstunden, sind von vier bis fünf Stunden pro Kind mit anerkanntem Integrationsstatus inzwischen auf maximal 2,5 Stunden herunter gefahren worden. Leider hat sich aber der Bedarf kein bisschen verringert – im Gegenteil.

Deshalb müssen wir annehmen, dass der Schulsenat und wir in getrennten Welten leben müssen. Anders können wir uns seine Entscheidungs-Logik nicht mehr erklären.

6. Rentner und Hilfslehrer im Stellenpool.

Dass nun alle zufrieden sind, wünscht sich der Schulsenator. Aber wir müssen uns wohl noch eine Weile ärgern, zum Beispiel über den Stellenpool, der bis auf RentnerInnen und HilfslehrerInnen fast leer ist. Zumindest unsere Schule hat nicht genügend ausgebildetes Personal – 100% Personalausstattung sind zu wenig, um immer und jeden Tag Unterrichtsausfälle zu vermeiden. Zum Mangel kommt Unberechenbarkeit: Wir werden im laufenden Schuljahr von Fehlberechnungen der Schulverwaltung überrascht, die uns unverschuldet vor massive Probleme stellen. Und wir fragen uns, warum eine Schulleiterin so häufig am Ende eines Schuljahres nicht weiß, mit wie vielen LehrerInnen sie im nächsten Schuljahr an den Start geht.

7. Wir warten auf eine Antwort, Herr Zöllner.

Den Protestbrief unserer LehrerInnen vom Januar 2011 haben Sie nach wie vor nicht beantwortet. Und auch nach einem Gesprächstermin haben SchülerInnen und Eltern bislang vergeblich gefragt. Deshalb kommen wir heute ohne Einladung. Den Brief bringen wir Ihnen in XXL noch einmal mit. Und von Ihnen sind wir nach den Punkten 1 bis 6 nun siebtens auch noch persönlich mehr als enttäuscht.

Die empörten SchülerInnen und Eltern
der Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule.

Pressemitteilung der Clara-Grunwald-Grundschule im Wortlaut:

Berliner Senat gefährdet deutschlandweit anerkannte Modellschule

Schulleiterin der ersten staatlichen Berliner Montessori-Schule erklärt Rücktritt – Bildungssenator Zöllner geht auf Tauchstation.

Regina Arlt, langjährige Schulleiterin der Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule und Pionierin für das Konzept jahrgangsübergreifender Klassen, legt zum Ende des Schuljahres ihre Aufgaben als Schulleiterin nieder. Als Grund dafür gibt sie an, dass sie sich angesichts einer exorbitant gestiegenen Bürokratisierung und eines massiven Personalabbaus bei gleichbleibender Schülerzahl nicht mehr in der Lage sieht die stetig wachsenden Aufgaben einer Schulleiterin zu erfüllen.

Die 1991 mitten in Kreuzberg gegründete Modellschule, nur einen Steinwurf von der SPD Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus entfernt, ist eine 2-zügige Halbtagsgrundschule mit ergänzenden Betreuungsangeboten. Hier wurde im Rahmen eines Schulversuches in den 90er Jahren erstmalig in Berlin erfolgreich mit einer Jahrgangsmischung innerhalb der Klassenverbände gearbeitet.

Dieses mittlerweile berlinweit eingeführte Prinzip der Altersmischung schafft einen Rahmen für schulisches Lernen, in dem Schülerinnen und Schüler nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen können und dem individuellen Lerntempo jedes Kindes Raum gegeben wird.

Neben dem jahrgangsübergreifenden Lernen und dem individuellen Eingehen auf die Schülerinnen und Schüler zeichnet sich die Clara-Grunwald-Grundschule insbesondere durch ihren transkulturellen Ansatz aus und stellt sich in einem der sozialen Brennpunkte der Hauptstadt gegen aktuelle Ghettoisierungstendenzen.

Der Ansatz der Clara-Grunwald-Grundschule verkörpert seit Jahren modellhaft genau das, was der Senat unter der Chiffre "Qualitätspaket" als neues Leitbild für alle Berliner Schulen vorgegeben hat. Gleichzeitig aber gefährdet die Politik des Senats durch massive Kürzungen insbesondere von Sprachförderstunden und sonderpädagogischen Stunden gerade das, was an der Clara-Grunwald-Grundschule vorbildlich und modellhaft für Berlin und Deutschland ist.

Der Status einer "Schule besonderer pädagogischer Prägung", den die Clara-Grunwald-Grundschule aufgrund ihrer Pionierarbeit nach dem erfolgreichen Abschluss des Schulversuchs im Jahr 2003 erhalten hat und der es ihr ermöglicht, ihr pädagogisches Konzept umzusetzen, wurde Anfang des Jahres von der Senatsverwaltung aberkannt, ohne dass die Schulleitung oder die örtliche Schulaufsicht darüber auch nur informiert worden wären.

Die Situation an der Clara-Grunwald-Grundschule steht symptomatisch für die verfehlte Berliner Bildungspolitik: Erfolgreiche und zukunftsweisende Ansätze, die inhaltlich mit den Zielen des Senats übereinstimmen bzw. für diese richtungsweisend waren, werden dem Spardiktat geopfert. Demgegenüber fördern Schulsenator Zöllner und die Schulbehörde den Bürokratie-Wahnsinn: "Mittlerweile verbringen Schulleiter mehr Zeit mit Verwaltungsvorgaben als mit der Qualität des Unterrichts", so Nuri Khadem, Vorsitzender der Gesamtelternvertretung der Clara-Grunwald-Grundschule.

Auf einen offenen Brief im Januar 2011 und einen Gesprächswunsch des gesamten Lehrerinnen- und Lehrerkollegiums der Clara-Grunwald-Grundschule hat Schulsenator Zöllner bis heute nicht reagiert. Am 6. April 2011 werden die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Eltern dem Wunsch der Lehrerinnen und Lehrer nach einem Gespräch über die Situation an ihrer Schule deshalb mit einer Kundgebung vor der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in der Otto-Braun-Straße Ausdruck verleihen.

Weitere Informationen über Geschichte, Konzept, und Modellcharakter der Schule finden Sie unter: www.clara-grunwald.cidsnet.de

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