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Aktualisiert (Montag, den 02. Mai 2011 um 09:00 Uhr) Geschrieben von: Gast

Gute Schulen kosten Geld, das gilt für inklusive Schulen umso mehr. "Prüfen Sie deshalb in den kommenden Monaten alle Wahlprogramme und Wahlversprechen auf die Dimension "inklusive Schule", rät Inge Hirschmann den Berliner Eltern. "Wer Qualität will, muss auch die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen wollen." Hier lesen Sie den Gastbeitrag der Vorsitzenden des Berliner Grundschulverbandes.

Das Gesamtkonzept der Senatsverwaltung „Inklusive Schule“ liegt in Berlin nun vor.
Die Beschränkung auf die Auflösung von Förderzentren für Kinder mit besonderem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotional-sozialer Entwicklung kann nur der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Der Grundschulverband geht davon aus, dass die Veränderungen im Berliner Schulwesen als Folge der von Deutschland anerkannten UN Menschenrechtskonvention weitaus umfassender und tiefgreifender sein müssen, als im vorliegenden Gesamtkonzept dargelegt wurde.

Inklusion als Konzept zur Überwindung von Diskriminierung aller Risikogruppen, heißt für uns:
In Berlin müssen flächendeckend Regelschulen geschaffen werden, in denen alle Kinder aufgenommen und optimal gefördert werden können. Die Frage der Inklusion und Exklusion wird dann zukünftig nicht mehr an den Kindern, sondern an der Institution  festgemacht werden. Alle Berliner Schüler und Schülerinnen haben einen Anspruch auf hochwertige individuelle Förderung. Für die Kinder mit Behinderungen oder mit leichten und schweren Lern- und Verhaltensbeeinträchtigungen muss an jeder Schule (!) sichergestellt sein, dass sie bestmöglich gefördert werden. Wir brauchen inklusive Schulen, damit allen Kindern von Anfang an Chancengerechtigkeit widerfährt!

Bei der Umsetzung eines Konzepts zur inklusiven Schule ist es deshalb für die chronisch unterfinanzierte Grundschule nicht hinnehmbar, wenn ihr im Zuge der Umsteuerung personelle und sächliche Mittel entzogen werden. Schon jetzt reichen an vielen Schulen die notwendigen schulinternen Förder- und Unterstützungssysteme nicht aus, um die individuelle Förderung auf angemessen hohem Niveau von Kindern mit gravierenden Lern- und Verhaltensdefiziten zu gewährleisten. Gerade der vieler Orts beklagte Anstieg von Kindern mit auffälligen Verhaltensstörungen und die gleichbleibend hohe Anzahl von Kindern, die mangels ausreichender Förderung im Elternhaus den schulischen Leistungsanforderungen nur unzureichend gewachsen sind, machen deutlich, welche Verantwortung auf den Regelschulen lastet. Dies berührt in besonderem Maße die Leistungsfähigkeit und Qualität von Schulen in den sozialen Brennpunkten.

Wir brauchen überall Schulhäuser, die den Vorstellungen von inklusiver Pädagogik und den Prinzipien gelungener Ganztagsbetreuung entsprechen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die räumliche Ausstattung, aber auch der Renovierungszustand vieler Schulen längst nicht mehr den Ansprüchen einer Pädagogik des 21. Jahrhunderts entspricht. Ganztägige Aufenthaltsorte – ganz besonders wenn die Elternhäuser von Armut geprägt sind - müssen mehr bieten als Unterricht und Betreuung. Kinder brauchen in den Schultag integrierte vielfältige kulturelle, sportliche und geistig anregende Angebote.

Grundlage jeder inklusiven Schule ist eine veränderte Wertehaltung und Motivation aller Beteiligten, sowohl der Lehrer(innen) und Erzieher(innen), insbesondere aber auch der Mitarbeiter(innen) in den Verwaltungen und der Eltern. Zieldifferenter und binnendifferenzierender Unterricht sowie ein auf Inklusion ausgerichtetes Schulleben sind für die Realisierung der inklusiven Schule unverzichtbar. Die in den letzten Jahren immer mehr auf den Output orientierte Bildungspolitik hat zu wenig erkannt, dass gleichwohl Prozessqualität und die Qualität des Inputs, eben gerade die personellen, sächlichen und räumlichen Rahmenvorgaben, ausschlaggebend für die Leistungsfähigkeit einer Schule sind. Wir brauchen Qualität auf allen Ebenen und klare Verantwortlichkeiten, wer für was zuständig ist, wer gegebenenfalls bei erkennbaren Fehlentwicklungen schnell und zielführend intervenieren kann und muss.

Die Forderung, eine inklusive und leistungsfähige Schule in Berlin zu realisieren, wirft alle anderen brisanten Fragen der Schulqualität wieder auf: Gelingt es unserem Schulwesen in Berlin schon alle Kinder ausreichend individuell zu fördern? Gelingt es, die vielen brachliegenden Talente der Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern? Gelingt es ausreichend, gut qualifiziertes pädagogisches Personal für eine inklusive Pädagogik zu gewinnen und gelingt es, ihnen das notwendige Rüstzeug für ihr Handeln im Unterricht- und beim Entwickeln ihrer Schule durch entsprechende Fortbildung, aber auch durch wirkungsvolle Unterstützersysteme mitzugeben?

Aus der Sicht des Grundschulverbandes ist diese Reform nicht kostenneutral allein durch eine veränderte Ressourcenzuweisung – von den Förderzentren an die Regelschulen - zu realisieren. Schulen in den Armutsgebieten der Stadt dürfen nicht zu den Verlierern der Umsteuerung zur inklusiven Schulen werden. Gerade diese Schulen brauchen mehr Unterstützung: schulintern, aber auch extern. Nicht zuletzt brauchen wir in Berlin dringend ein Sonderbauprogramm, um endlich nur noch Schulgebäude zu haben, die den pädagogischen Anforderungen entsprechen. Der Investitionsstau ist inzwischen immens. Dies ist auch ein Grund, warum Eltern mehr und mehr die öffentlichen Schulen meiden oder aus den ohnehin sozial belasteten Nachbarschaften abwandern.

Prüfen Sie deshalb in den kommenden Monaten alle Wahlprogramme und Wahlversprechen auf die Dimension "inklusive Schule", prüfen Sie auch sehr genau, wie weit sich die im Wahlkampf befindlichen Parteien zu dieser tiefgreifenden Veränderung bekennen, bzw. auch eine realistische Vorstellung davon haben, dass die Verbesserung des Schulwesens nicht mehr kostenneutral oder gar auf dem Hintergrund von Einsparungen zu leisten ist. Wer Qualität will, muss auch die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen wollen.

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