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Aktualisiert (Montag, den 29. März 2010 um 10:40 Uhr) Geschrieben von: Daniela von Treuenfels

Wenn einer am Zaun rüttelt und ruft "Ich will hier rein!" - dann muss man ihn ernst nehmen. Berliner Gymnasien können sich für einen anderen Umgang mit Menschen entscheiden, die nicht oder zumindest nicht auf den ersten Blick, ins Schema passen. Das geplante Verfahren zur Vergabe von Schulplätzen an übernachgefragten Oberschulen verleitet zur Ausgrenzung.

Was passiert, wenn sich an einer Schule mehr Schüler anmelden als Plätze vorhanden sind? Die Berliner Schulleiter und die für die Schulplatzvergabe verantwortlichen Bezirke haben sich in einer Arbeitsgruppe über die Modalitäten der Auswahl geeinigt. Herausgekommen ist ein Verfahren, das den Interessen beider Gruppen gerecht wird. Die Losquote von 30 Prozent gilt pro Schule – und nicht für die einzelnen Klassen. Die Schulleitungen haben somit das Recht, einen Großteil ihrer Klassen komplett mit wunschgemäßen Schülern zu besetzen. Die Quote könnte im Extremfall erfüllt werden durch die Bildung von "Losklassen". Die Bezirke wiederum können ebenfalls zufrieden sein. Das System der abgestuften Reihenfolge der drei "Wunschschulen" bleibt. Das Losverfahren wird nur an den Erstwunschschulen durchgeführt. Über die Aufnahme der Schulen an Platz 2 und 3 der Wunschliste entscheidet bei Übernachfrage die Durchschnittsnote. Von allen möglichen Szenarien ist es dasjenige mit dem geringsten Aufwand. Wie schön.

Das Losen nur an der Erstwunschschule bedeutet: der Anteil der per Losverfahren an die Gymnasien gelangten Schüler wird sehr überschaubar bleiben. Und das ist durchaus politisch so gewollt. Die politische Spitze der Verwaltung wollte vielleicht einen vereinfachten und gerechteren Zugang zu den weiterführenden Schulen. Aber niemand hatte je die Absicht, den Gymnasien ihren "Elitestatus" zu nehmen. Das kann man schulterzuckend als konservativ-schrullig-gestrig abtun und stirnrunzelnd hinnehmen. Gymnasien, seufz, sind halt nicht zu ändern. Die einen werden weiter sitzenbleiben, doppelseufz, die anderen werden sich weiter langweilen.

Das wirklich Fatale an der aufgeweichten Losregelung ist aber der dahinterstehende pädagogische Offenbarungseid. Wer Kinder am Gymnasium hat, wer in der Schulinspektion gymnasialen Unterricht beobachtet, oder wer Lehrern zuhört, der weiß: Hier wird überwiegend frontal unterrichtet, das "fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch" ist Standard. Das ist für homogen zusammengesetzte Klassen möglicherweise akzeptabel - die gibt es aber nicht mehr: Vor hundert Jahren gingen zwei Prozent der Schüler eines Jahrgangs auf ein Gymnasium, heute gibt es Grundschulen in Berlin, die 80 Prozent und mehr ihrer Sechstklässler mit einer Gymnasialempfehlung entlassen. In der Folge wird das Gymnasium zur neuen Volksschule - ohne Antworten auf diese neue pädagogische Herausforderung. Der Gymnasialtag der GEW hat es vor kurzem sehr deutlich gezeigt: das Thema "Binnendifferenzierung" steckt an dieser Schulform noch in den Kinderschuhen.

Die Gymnasien werden weiter in ihrem Tiefschlaf verharren, wenn niemand sie zu Veränderungen zwingt. Ein gut durchdachtes Losverfahren mit der möglichen Teilnahme am Losverfahren an mindestens drei Schulen wäre ein charmantes Druckmittel gewesen. Lehrer hätten sich mit denen auseinandersetzen müssen, die da unbedingt teilhaben wollen. Und sie hätten genau hinsehen müssen.

So werden Schüler möglicherweise kollektiv in Abschiebe-Losklassen gesteckt. Und frontal druckbetankt - dann schau'n mer doch mal, wer es schafft...

Oder sie müssen draußen bleiben. Und Bundeskanzler werden…

Lesen Sie dazu unseren Artikel: Die neuen Aufnahmekriterien für die Oberschulen bei Übernachfrage ab 2011/12