Die Lehrergewerkschaft GEW hat zum Streik aufgerufen, Gehaltsverbesserungen sind das Ziel. Auch Prüfungstage, an denen Schüler über MSA- und Abituraufgaben brüten, sind in den Ausstand einbezogen. Daniela von Treuenfels über alltäglichen Widerstand, berechtigten Lehrerprotest, nicht nachvollziehbare Forderungen und warum die Junglehrerinitiative „Bildet Berlin“ peinlich ist.

Neulich erzählte jemand diese Geschichte: An der Schule war ein Fortbildungstag. Von 8 bis 18 Uhr sollte sich das Kollegium zu einem bestimmten Thema weiterbilden. Der dafür eingeladene Berater hatte das entworfene Programm mit den Lehrern bereits Wochen vorher abgestimmt und ihnen mitgeteilt.

Es sollte nicht gut anfangen. „Wann ist das hier denn zu Ende?“, das war die erste Frage. Da war es gerade zehn Minuten nach acht, die Einführung hatte nicht einmal begonnen. „Also ich bin um zwei hier weg“, war die Antwort des Lehrers auf den freundlichen Hinweis des Beraters auf die vorliegende Tagesordnung.

Der Vormittag verging, mittags sollten die Kollegen erste Arbeitsergebnisse präsentieren. Die Eskalation kam sehr pünktlich. „Anna, was Ihr hier präsentiert, ist doch mehr als peinlich“, so das Feedback eines Kollegen. Anna verließ wutschnaubend den Raum, es war 13.45 Uhr. Eine halbe Stunde später waren weitere 60 Kollegen auf dem Weg nach Hause. Übrig blieben 15 frustrierte Lehrer, die eine Idee davon erarbeiten wollten, wie sich ihre Schule entwickeln sollte.

Pädagogen im Dauer-Widerstand

Widerstand ist alltäglich an Schulen. Schulleiter berichten in vertraulichen Gesprächen freimütig über die Drittelung, die es in jedem Lehrerkollegium gebe: Ein Drittel der Pädagogen ist interessiert an Innovationen, ist Neuem gegenüber aufgeschlossen und leistet mehr als der Durchschnitt. Ein Drittel der Kollegen hat zwar Freude am Unterrichten, möchte aber am liebsten unbehelligt von Kollegen und Schulleitung in Ruhe den Job erledigen. 30 Prozent sind das, was man in der freien Wirtschaft Minderleister nennt. Sie befinden sich quasi im Dauer-Widerstand gegen alles, was sie als überflüssig oder störend empfinden. Das können Eltern sein, Schüler, Kollegen, ihnen übertragene Aufgaben – manchmal auch schlicht die Korrektur von Klassenarbeiten. Die Möglichkeiten sind reichhaltig.

Besonders schwierig: Schulen mit schlechten Ergebnissen in der Schulinspektion. Ihnen soll, so die Idee der Senatsverwaltung, Hilfe zuteil werden. Dafür gibt es „Pro Schul“, diese Gruppe berät Schulleitung und Kollegium, wenn die Inspektoren einer Schule einen „erhöhten Entwicklungsbedarf“ bescheinigt haben. Die Problemlagen sind meist vielfältig, oft gehen mangelnde Kommunikation und als ungenügend beurteiltes Schulleitungshandeln einher mit bestenfalls mäßigem Unterricht.

Die Eingreiftruppe des Senats ist, wen wird es wundern, in dieser Situation nicht gern gesehen. Schließlich hat man doch jahrelang seine Arbeit gemacht, und es war irgendwie okay – dachte man jedenfalls. Bis die Schulinspektoren kamen. Entsprechend kühl ist der Empfang, Gespräche verlaufen zäh, Konferenzen sind wenig erbaulich. Die fehlende Produktivität war Anlass für die Berater, sich zum Thema Umgang mit Widerständen selbst externen Rat zu holen.

Lehrerstreik für bundesweit einheitliche Bezahlung

Widerstand ist auch das Thema dieser Tage. Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes forderten Lohnerhöhungen, Anfang März wurde eine Einigung erzielt. Ausgerechnet die Lehrer sind dabei außerordentlich schlecht weggekommen. Eine einheitliche Lehrerentgeldordnung war das Ziel, um die derzeit bestehenden Gehaltsunterschiede zwischen den Bundesländern auszugleichen, die bis zu 800 Euro pro Monat betragen können. Am schlechtesten verdienen Lehrer in Ostdeutschland, besonders in Sachsen. Hier befürchtet man nun einen ansteigenden Lehrermangel und Abwanderung in andere Länder. Der Unmut ist groß, die Gewerkschaft berät in den nächsten Tagen über das weitere Vorgehen. „Wir sind weiterhin zur L-ego voll streikfähig und nicht in der Friedenspflicht“, so die GEW in einer Erklärung an ihre enttäuschten Mitglieder.

Diese nachvollziehbaren Forderungen der Lehrergewerkschaft werden in Berlin überdeckt durch Wünsche, die außerhalb des öffentlichen Dienstes weitgehend auf Kopfschütteln stoßen. Da sind zum einen die älteren Lehrer, die Ermäßigungsstunden verlangen. Generell für alle ab einer bestimmten Altersgrenze und bei vollem Lohnausgleich. Dass alle anderen Arbeitnehmer erstens diese altersflexible Arbeitszeit nicht kennen und zweitens davon ausgehen müssen, dass weniger Arbeit auch weniger Lohn bedeutet, scheint außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Am vehementesten treten jedoch die Junglehrer für ihre Ziele ein, allen voran die Initiative „Bildet Berlin“. Die Gruppe ist ein Nachfolgeprojekt der Initiative „Verbeamtung jetzt“. Zwei Drittel aller Junglehrer wünschen sich laut einer Studie der Vodafone-Stiftung den Beamtenstatus, man muss also zugestehen, dass die Initiative nicht nur Partikularinteressen weniger Einzelner vertritt. Die Gruppe der Junglehrer musste aber feststellen, dass weder für den Berliner Senat, noch für die Mehrheit des Abgeordnetenhauses die Verbeamtung eine Option ist. Selbst die GEW wendet sich dagegen, und auch jenseits von Politik und Verwaltung wird die Verbeamtung für Lehrer als unnötig und nicht mehr zeitgemäß angesehen. Die entstehenden Pensionslasten sind zudem kaum finanzierbar.

Junglehrer gegen Gehaltsunterschiede im Lehrerkollegium

Der Widerstand hat also ein neues Mäntelchen erhalten. Die Verbeamtung ist zwar immer noch ein Thema, aber wahlweise gibt sich „Bildet Berlin“ auch mit einer „gerechten Bezahlung“ beziehungsweise einem „Ausgleich für die bestehenden Benachteiligungen für angestellte Lehrerinnen und Lehrer“ zufrieden. Im Kern geht es um eine Angleichung der Gehälter von angestellten und verbeamteten Lehrern. Frontmann Florian Bublys rechnet vor, dass ein Beamter in 40 Dienstjahren rund 100.000 Euro mehr verdient als sein angestellter Kollege.

40 Jahre! Diese kleine Rechnung macht deutlich, wie weit entfernt der öffentliche Dienst von der Arbeitsrealität anderer Berufsgruppen ist. 40 Jahre in der gleichen Firma, das ist für wenige Berufsanfänger eine Option. Junge Leute stellen sich heutzutage vielmehr darauf ein, im Laufe ihres Lebens den Beruf zu wechseln, vielleicht sogar mehr als einmal. Eltern und andere Lebensbegleiter beschwören das lebenslange Lernen und geben den dringenden Rat, immer weitere Kompetenzen zu erwerben, Neues auszuprobieren und sich den kommenden Herausforderungen offen zu stellen. Scheitern inklusive.

Lehrer scheitern nicht, jedenfalls ist das nicht vorgesehen. Sie bleiben – bis zur Rente. Ihr Beamtenstatus und die damit verbundenen Privilegien hindern sie daran, im Bedarfsfall aus dem Schuldienst auszusteigen. Diese Einsicht führte bei Lehrer Arne Ulbricht dazu, sich entamten zu lassen. „Der Beamtenstatus ist ein Klotz am Bein, wenn man woanders neu anfangen möchte. Wer das Bundesland wechseln will, muss sich erst freistellen lassen, als Angestellter kann man sich auf offene Stellen an einer Schule direkt bewerben. Und kaum jemand gibt die sichere und lukrative Verbeamtung auf, um in einem anderen Job neu durchzustarten. Der Beamtenstatus bedeutet deswegen für Lehrer meist beruflichen Stillstand“, sagt Ulbricht in einem Interview.

Lehrer in der inneren Emigration, die keinen Bock mehr auf Unterricht haben, sind ein Problem. Manche lassen sich in die Verwaltung versetzen, andere wurschteln irgendwie weiter, einige werden zur Belastung für Kollegen und Schüler.

Es geht allein um Geld, Schulqualität interessiert nicht

Schule wird dadurch nicht besser. Man sollte meinen, dass „Bildet Berlin“, die „Initiative für Schulqualität“ hier ein paar Ideen hätte. Ist aber nicht. Fehlanzeige. Es geht ums Geld. Mehr nicht. „Gerechte Bezahlung“, dadurch mehr Lehrer und weniger Unterrichtsausfall. Die Bezahlung steht als einziger Punkt auf der Protest-Agenda und wird so vehement vorgetragen, dass man den Eindruck gewinnen kann, dass ein Lehrergehalt gerade mal knapp an der Niedriglohngrenze liegt. In Wahrheit verdienen Lehrer in Deutschland überdurchschnittlich gut, auch im Vergleich der OECD-Länder liegt das deutsche  Lehrereinkommen im oberen Drittel.

Um Gleichbehandlung geht es den jungen Pädagogen. Dabei muss es doch um genau das Gegenteil gehen. Mit seinem Talent, seinem Engagement, seiner Leistung müsste es dem Einzelnen möglich gemacht werden, im System Schule Karriere zu machen. Stattdessen erfolgt eine Entlohnung nach Berufsjahren, und jeder Karriereschritt, zum Beispiel Fachbereichsleitung oder Schulleitung, sind eine Eingruppierung auf Lebenszeit. Einmal Direktor, immer Direktor – bis zur Rente. Dieses System ist auf  Führungspersonal angewiesen, das hohe Ansprüche an die eigene Arbeit stellt. Jede falsche Besetzung ist ein Desaster, und leider kommen Fehlgriffe immer wieder vor. Neben dem Mangel an Bewerbern (vor allem an Grundschulen) ist ein Grund vor allem im Laufbahnrecht der Beamten zu sehen. Über die Auswahl der Bewerber entscheiden nicht Ideen, Engagement und Führungsqualitäten, sondern das Laufbahnrecht der Beamten: Wer die höhere Besoldungsgruppe hat, hat Vorrang.

Wer nicht Staatsdiener ist, findet das in aller Regel ziemlich irre. Und in der Tat sind außerhalb des öffentlichen Dienstes völlig unterschiedliche Gehälter in einem einzigen Büro die Regel. Da sind die teure Expertin und das Mädchen für Alles. Der angestellte Mitarbeiter sitzt neben der Freiberuflerin. Die treue Seele, dem Unternehmen seit Jahren verbunden und leider etwas ungeschickt bei Gehaltsverhandlungen, teilt sich den Schreibtisch mit der jungen Absolventin, die der Chef teuer eingekauft hat. That’s life – kein Grund zum Weinen.

Wir brauchen auch eine bessere Bezahlung von Lehrkräften in Schulen in sozial schwierigen Lagen. Nicht weil es allein ein Qualitätssiegel ist, in einer Schule zu arbeiten, deren Schülerschaft besondere statistische Merkmale aufweist. Sondern weil die besten Pädagogen an diese Schulen geholt werden müssen. Studien weisen regelmäßig nach, dass nicht nur guter Unterricht zu besseren Lernleistungen führt, sondern dass besonders die schwachen Schüler von guten Lehrern profitieren. Für diese Lehrer brauchen wir unter anderem finanzielle Anreize, um sie an die „Brennpunktschulen“ zu locken, damit die Bildungschancen der benachteiligten Kinder steigen.

"Druck machen" auf Kosten der Schüler

Die Junglehrer kümmert das nicht. „Ohne uns geht nichts, mit uns genauso wenig“ scheint das Motto zu sein, mit dem sie die nächste Streikrunde eingeläutet haben. Im März hat „Bildet Berlin“ sich dem Landesschulbeirat vorgestellt, einem Gremium, dem Vertreter der Landesgremien von Eltern, Schülern und Lehrern angehören. Die Performance war denkbar schlecht, findet Vorsitzende Dunja Wolff. "In der Präsentation stand das Thema und Argument "Geld" einfach zu viel im Vordergrund!", sagt die Elternvertreterin aus Treptow-Köpenick. "Die Berufung Lehrerseinwollen kann nicht allein durch Bezahlung seine Wertschätzung finden und diese damit rechtfertigen." Zum Thema Schulqualität hätten Florian Bublys und seine Kollegin nichts zu sagen gehabt. „Es war insgesamt sehr oberflächlich.“

Auch Streiktage an Prüfungsterminen war ein Thema. Befragt, ob sie ihren Kampf dann nicht auf dem Rücken der Schüler austrügen, antworteten die jungen Lehrer dem staunenden Landesgremium, das sei doch ein „gutes Druckmittel“. „Ich bin erschüttert, wie dort gesprochen wurde, sagt Dunja Wolff. Lehrer, die von sich sagen, sie seien „auf Schüler losgelassen“, machten mit ihrem Auftreten viel kaputt. Sehr bewegt habe sie die Frage eines Schülers: „Ich hoffe, Sie machen das nicht nur, weil wir da sind?“

Der Landesschülerausschuss hat die Streikenden gebeten, an Prüfungstagen nicht in den Ausstand zu treten. „Es stehen so viele Prüfungen an, Abitur, Mittlerer Schulabschluss und andere Klausuren und es fällt ohnehin schon viel Unterricht aus – gerade durch den langen Winter waren viele Lehrer krank. Bei den Streiks sind die Schüler die Leidtragenden. Wir haben deshalb an die Gewerkschaft und die Politik appelliert, jetzt eine schnelle Lösung zu finden“, sagte die Vorsitzende Alea Mostler dem Tagesspiegel. Auch die Eltern lehnen Streik an Prüfungstagen ab.

Kein Trainer lässt seine Mannschaft während des wichtigsten Spiels der Saison allein. Die jungen Lehrer geben sich dennoch schmerzbefreit und kämpferisch. Die Protestler von heute – vielleicht die Widerständler von morgen? Wie werden sie wohl reagieren, wenn man ihnen auf ihre alten Tage eine Fortbildung von 8 bis 18 Uhr auf’s Auge drückt?

Eine gekürzte Version des Textes findet sich hier: http://www.tagesspiegel.de/meinung/positionen-lehrer-bleiben-bis-zur-rente/8070024.html